Tuvia Tenenboms „Allein unter Flüchtlingen“ wirft streitbare Fragen auf

Foto: E-Book „Allein unter Flüchtlingen“ von Tuvia Tenenbom

Von Patrycja Przybilla

Wie hat die Aufnahme zahlreicher Asylsuchender Deutschland seit dem Herbst 2015 verändert –  mit diesem Auftrag schickte der Suhrkamp Verlag den Journalisten Tuvia Tenenbom quer durch die Bundesrepublik. Seine neuste humorvoll geschriebene und streitbare Großreportage „Allein unter Flüchtlingen“ erschien im März 2017 und umfasst 234 Seiten. Der israelisch-amerikanische Theaterregisseur und Autor macht sich mit einem Opel-Astra unter anderem nach Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Pirna, Köln, Nürnberg und Stuttgart.

Viele Flüchtlinge empfangen Tuvia Tenenbom, der auch arabisch spricht, herzlich und spontan in ihrem privaten Schlaflager, sprechen mit ihm über Fluchtgründe und Erlebnisse, Langweile, beengte, unhygienische Zustände oder Konflikte in ihrer Unterkunft. In Hamburg etwa erzählt die Syrerin Maha Tenenbom über ihren Zufluchtsort: „In Syrien bringen die Menschen einander um, sie schlachten sich gegenseitig ab, in Deutschland hingegen sind die Leute nett, sehr nett. Die Deutschen haben Kultur, sie töten nicht“. Sätze, die Leser_innen vielleicht aufhorchen lassen und an deutsche Geschichte erinnern. An Geschichte über den Nationalsozialismus, welche viele Gesprächspartner erwähnen, wenn Tuvia Tenenbom eine Frage immer wieder stellt: „Warum hat Deutschland so viel mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere europäische Land?“ Der Journalist spricht Leute auf der Straße an, sucht politische Akteure von links, wie den Bundestagsabgeordneten der Partei die Linke Gregor Gysi, und rechts, etwa Pegida-Gründer Lutz Bachmann, auf, stößt auf dem Katholikentag auf Kardinal Reinhard Marx und trifft Aiman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Das Buch wirft viele streitbare Fragen auf:

Warum ist die Unterbringung von Flüchtlingen notdürftig gestaltet?

Tuvia Tenenbom ist sehr betroffen über die Unterbringungszustände, etwa als er im Berliner Flughafen Tempelhof eine Halle betritt, wo zum Zeitpunkt seines Besuchs 2000 Menschen provisorisch in Waben ohne Dach und Türe untergebracht waren.

Es stört ihn auch, dass Personen aus Nationen, die miteinander Krieg führen, im gleichen Haus untergebracht sind. Leider fehlt in der Reportage der Austausch mit Sozialarbeitern oder Hausleitungen, die die Flüchtlingsunterkünfte leiten, abgesehen von kurzen Begegnungen wie etwa in Nürnberg. Dadurch entsteht der Eindruck, dass etwa die Belegung beliebig gestaltet werde, denn es wird durchaus je nach Konzept der Betreiber auch drauf geachtet, dass Personen, die nicht zu verfeindeten Gruppen gehören, miteinander in einem Zimmer schlafen. Anderseits zeigt die Praxis auch, wenn Personen, da es organisatorisch nicht anders möglich ist, so untergebracht werden oder es selber wünschen, durchaus Beziehungen gelingen können oder sogar Freundschaften entstehen. Eine gemischte Belegung zielt eben auch darauf ab, die Hausbewohner auf eine plurale Gesellschaft vorzubereiten und sogenannte Ghettosierung nicht zu fördern.

Beim Thema „Unterbringung“ ergibt sich aus der Auseinandersetzung mit dem Buch dennoch eine wichtige Frage: Ist die notdürftige Unterbringung in einem Land wie Deutschland finanziell und organisatorisch nicht anders realisierbar (etwa aufgrund Wohnungsnot) oder ist sie politisch immer noch gewollt abschreckend gestaltet?

Ist der Journalismus in Deutschland zu pädagogisch?

Tuvia Tenenbom, der auch als Journalist für Zeit Online eine Politikkolumne verfasst, stellt in der Reportage die These auf: „Die meisten deutschen Journalisten, die ich kennengelernt habe, halten den Journalismus für ein Instrument der ‚Volkspädagogik‘, bei den Tatsachen viel weniger zählen als das ‚richtige Denken'“. Die Debatte um den Journalismus, wird auch nach Veröffentlichung des Buchs im Spiegel-Interview mit Tenenbom entfacht.

Bei diesem Thema bleiben die auch in den Medien zum Teil schon diskutierten Fragen zurück: Welche Informationen (etwa wenn es um Herkunft von Personen geht) sind relevant und wie gehe ich beispielsweise mit extremistischen Meinungsäußerungen um? Lasse ich Beiträge unkommentiert stehen, damit der Leser die Autonomie behält oder setze ich eine Kritik daneben? Stelle ich Informationen nicht in den Mittelpunkt, um eine gesellschaftliche Stimmung, etwa Fremdenfeindlichkeit, nicht weiter zu befeuern? Ist der Journalismus in Deutschland zu pädagogisch?

Ist es legitim, Leute, die für Ausgrenzung sind, auszuschließen?

Beim Katholikentag in Leipzig findet Tuvia Tenenbom heraus, dass alle Parteien bis auf die AfD- und NPD-Vertreter_innen eingeladen wurden. Auf seiner Reise trifft Tenenbom auch den rechten Intellektuellen Götz Kubischek in dessen Haus. Kubischek leitet den Antaios Verlag, ist Chefredakteur der politischen neurechten Zeitschrift Sezession; ihm wird die AfD-Mitgliedschaft verwehrt und Amazon bietet keine Titel mehr von Götz Kubischek an, berichtet Tenenbom in der Reportage. Kubischeks Frau Ellen Kositza erzählt Tenenbom außerdem von einer weiteren Ausgrenzung, nämlich, dass auch zwei Banken ihre Konten gekündigt haben und eine weitere es kündigen wollte. Später vertraut Frauke Petry Tenenbom an, dass zwei ihrer Kinder von anderen Schülern gemobbt werden und sie als „verrückte Mutter“ vor anderen Schülern titulieren.

Bei diesen Themen kommt die Frage auf: Ist es legitim Personen, die etwa für die Ausgrenzung bestimmter Gruppen werben, selbst gesellschaftlich auszuschließen?

Teilhabechancen von Geflüchteten im Klima von Fremdenfeindlichkeit

Eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Gräfenhainichen, über die Tuvia Tenenbom schreibt, wurde beschossen und mit Steinen beworfen. In der Kleinstadt Beelitz trifft der Autor auf Beelitzer, die sich wünschen, dass die Flüchtlinge zurück nach Hause gehen; sie werfen ihm vorurteilsbeladen Diebstahl und Vergewaltigung vor. Der Bürgermeister des Ortes Bernhard Knuth, dem er auf der Straße , hingegen findet: „Es sind Menschen in Not, denen wir helfen müssen“.

Hier stellt sich die Frage: Wie können Flüchtlinge am gesellschaftlichen Leben teilhaben, an Orten, wo sie sehr häufig mit Anfeindungen und Ausgrenzung konfrontiert werden? Welche Gestaltungsmöglichkeiten können Kommunen gegen Fremdenfeindlichkeit und für ein gutes Zusammenleben in die Wege leiten?

Antisemitismus-Problem in Deutschland

Auch bei „Allein unter Flüchtlingen“ deckt Tuvia Tenenbom, wie schon in seinen Reportagen „Allein unter Deutschen“ oder „Allein unter Juden“ einen erschreckend verbreiteten Antisemitismus auf. Antisemitische Äußerungen fallen, sowohl bei politisch rechts eingestellten Bürgern, unter Flüchtlingen, als auch bei der Antifa, auf seiner Reise quer durch Deutschland.

Hier kommt die Frage auf: Welches Problem hat Deutschland mit Antisemitismus und wie kann dieses angegangen werden? Im Bundestag wurde dazu jüngst der Bericht des „unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ präsentiert.

Weitere Rezensionen und Beitäge: Jüdische Allgemeine, Frankfurter Allgemeine, BR, Kulturzeit

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