Zu Roger Willemsens Essay „Gast ohne Recht“

Roger Willemsen

Roger Willemsen (*1955, †2016) bei seiner Lesung zum Buch „Das hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ 2014 in Stuttgart

Text und Foto: Patrycja Przybilla

Polemisch und kritisch, setzte sich Roger Willemsen in seinem Essay „Gast ohne Recht“ 1999 mit dem „Gastrecht“, welches Deutschland Asylsuchenden gewährte, auseinander. Auch 17 Jahre nach Erscheinen des Beitrags sind die Zeilen des vor wenigen Wochen verstorbenen Autors in Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte treffend und sehr lesenswert: „Da wir nun einmal ein Gastrecht konzedieren, dürfen wir selbst uns wohl ‚Gastgeber‘ nennen. Das klingt, als stünden wir immerzu an der Schwelle, um die Fremden hineinzukomplimentieren. In Wirklichkeit unterhalten wir erhebliche Streitkräfte der Judikative und der Exekutive aus keinem anderen Grund, als das Fernbleiben der Gäste zu gewährleisten, in dem wir ihnen die Einreise, den Aufenthalt, die Arbeit verwehren, ihre Fluchtmotive diskreditieren, ihre Familien trennen, ihre Ehen ausforschen und demokratische Errungenschaften aberkennen, auf die wir Heimischen stolz sind.“ Das Zitat erinnert unter anderem an die Abschottungspolitik, die aus dem 1993 beschlossenen Asylkompromisses resultierte, die bis heute wirkt und in neuen Gipfeln der Asylrechtsbeschneidung, wie dem Asylpaket II, fortgeführt wird.

Der Blick des Gasts auf die Gesellschaft

Was sich seit den 90er Jahren deutlich gewandelt hat: mehr freiwillige Helfer, mehr Akteure im Gemeinwesen und mehr Medientreibende sind bereit, sich für Asylsuchende zu engagieren. Sie werden in Begegnungen mit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen auch die Möglichkeit erhalten, etwas über deren Blickwinkel auf den neuen Wohnort zu erfahren sowie über die eigene und andere Gesellschaften. In dem Lift-Bericht (10/2015) „Mein Blick auf Stuttgart. Zwischen Flüchtlingsunterkunft und Fernsehturm: Deutscher Alltag durch die Augen von Asylbewerbern“ etwa erzählt Jimie aus Eritrea von seinen Beobachtungen: „Mir ist sofort aufgefallen, wie stark die Frauen hier sind – das finde ich richtig gut. Dass sie sich so selbstverständlich auf der Straße bewegen, alleine oder in Gruppen, und hingehen können, wohin sie wollen. Das gibt es dort, wo ich herkomme, nicht. In Asmat – meiner Heimat – verlassen die Frauen fast nie das Haus. Es ist zwar gesetzlich nicht verboten, dass sie raus gehen, aber die Tradition sieht vor, dass nur die Männer sich im öffentlichen Raum bewegen, während die Frauen zu Hause bleiben. Das finde ich nicht gut. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Sie sollten alle dasselbe tun dürfen. Ich muss manchmal in mich hineinlachen, wenn ich hier am Marienplatz Frauen laut lachend zusammensitzen sehe, die Zigaretten rauchen und Spaß haben. In Eritrea wäre so etwas schlichtweg unvorstellbar!“

Roger Willemsen, der selbst viel durch die Welt reiste, schrieb im genannten Essay über den Blickwinkel von außen: „Vielleicht leisteten sich frühere Epochen aber auch einfach einen emphatischen Begriff vom Fremden, denn dieser trat in eine Gesellschaft ein, die für ihn nicht Gemeinschaft war, und die er aus dem Fundus seiner mitgebrachten Erfahrung und Vernunft beurteilte, bewertete und beschrieb. Er sah diese Gesellschaft anders, nämlich mit jenem vorurteilslosem Blick, in dem sich diese Gesellschaft immer noch erkennen könnte, wenn sie könnte.“

Gast ohne Recht. Über eine neue Kampfvokabel“ ist erschienen in dem Buch „Bild dir meine Meinung. Kritisches und Polemisches“ von Roger Willemsen, Edition Tiamat, Berlin 1999 und kann in Dschungel #12 2016 nachgelesen werden.

 

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