Kunst, die das Meerestreiben nicht unkommentiert lässt

See-Seestueck

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Fotos:
SEESTÜCK (Version 2016) Video, 2-Kanal, Loop, Ohne Ton von Oliver Herrmann

Oliver Herrmann im Gespräch mit Patrycja Przybilla

Ein Blick aufs Meer – ist dieser noch möglich, ohne eine Assoziation an Menschenleben, die auf der Flucht in kenternden Schiffen enden? Als der Künstler Oliver Herrmann bei einer Ausstellungsausschreibung zum Thema „Blau“ sein „Seestück“ aus dem Jahr 2007 einreichen wollte, da merkte er, dass er diese Videoarbeit, die ein Meeresstück zeigt, nicht mehr ohne eine Ergänzung präsentieren möchte. „Die Situation von Geflüchteten beschäftigt mich, so dass ich das Meeresbild nicht einfach zeigen kann. Ich will es kommentieren: insbesondere das Mittelmeer ist für Flüchtlinge totbringend. Es ist einerseits Hoffnungsträger und gleichzeitig bedeutet es für viele den Tod“, schildert Oliver Herrmann in seinem Atelier im Stuttgarter Westen seine Intention zu seinem Werk.

The Migrants Files: Datenbank zu Todesfällen auf der Flucht

Bewegte Wellen spiegeln sich im Horizont des Meeresvideos. Die besondere Spiegelung erzeugte Herrmann dadurch, dass er während der Aufnahme eine Glasscheibe vor die Kamera spannte, die das Bild halbierte.  „15 drowned, boat capsized due to bad rescue operation by Italian coastguard 56 miles off Malta (Oct 5, 2008) [15 ertrunken, Boot gekentert während zu schlechter Rettungsoperation der italienischen Küstenwache 56 Meilen vor Malta]“  ist ein Beispiel für einen, der zahlreichen bewegten Textplots, die rechts neben dem Seestück-Video auf Höhe des Horizonts in einem zweiten Bildschirm durchlaufen. Ein erster Einfall, einfach die Gesamtzahl von circa 25 000 Menschen, die seit dem Jahr 2000 auf der Flucht über das Meer ihr Leben lassen mussten, neben dem Meer zu präsentieren, erschien Herrmann zu anonym und zu plakativ. Auf der Recherche entdeckte er das Projekt The Migrants´ Files, in welchem Journalisten aus über 15 Ländern in einer Datenbank alle bekannten Todesfälle und Fälle von vermissten Menschen, die auf dem Weg nach Europa waren, dokumentieren. Die Daten bezeugen das Ausmaß der Katastrophe, die sich vor Europa, nicht zuletzt auch wegen der restriktiven europäischen Migrationspolitik abspielen.

Seit Spätherbst 2015 beschäftigt sich Herrmann mit den traurigen Nachrichtenmeldungen, die er für die Laufschrift bearbeitet und manchmal zur Verständlichkeit ergänzt oder kürzt. Es fällt ihm dabei oft sehr schwer, viele Todesmeldungen auf einmal am Computer einzupflegen. Immer wieder muss er eine Pause machen, wenn ihn die Tragik der Einzelschicksale ergreift; etwa wenn er liest, dass Menschen ein paar 100 Meter, bevor sie das rettende Ufer erreichen konnten, ertrinken oder bei einer Rettungsaktion, in der sie Helfern zuwinken, mit dem Boot kentern. Auch liest er immer wieder, dass Menschen einfach über Bord geworfen werden, wenn ihre Reise als „blinde Passagiere“ auffliegt. „Manche der Einträge auf der Datenbank sind kurz und bürokratisch, anderen merkt man an, dass jemand das Bedürfnis hatte, viel zu schreiben. Sie könnten auch in einem wissenschaftlichen Sinne zum Beispiel von NGOS benutzt werden oder Journalisten können auf die Daten zurückgreifen“, legt Herrmann dar.

Blick auf die aktuelle Flüchtlingspoltik: „Es wird auf eine Art und Weise berichtet, dass man denkt, es geht nicht um Menschen, sondern um Waren“

Ihn stört die egoistische Haltung Europas in der Flüchtlingspolitik, „die viel von Ängsten getrieben wird, zu wenig von Tatsachen und bei der ein klarer Blick fehlt. (…) Es sollte kein Problem sein, in einem der reichsten Länder Europas mit der Aufnahme von Flüchtlingen human umgehen zu können. Verwunderlich wie schnell die eigene Geschichte des Landes verloren geht, wie viele Leute vergessen, dass auch Menschen von hier fliehen mussten. Ab und zu weisen Stimmen der Älteren darauf hin.“ Zu aktuellen Medienberichten fällt ihm auf: „Bei den Türkeiverhandlungen wird auf eine Art und Weise berichtet, dass man denkt, es geht nicht um Menschen, sondern um Waren, zum Beispiel, wenn das Wort ,Rücknahme‘ fällt, denkt man eher an Schuhe, bei denen man ein Rückgaberecht hat, wie eine Art Verschiebemasse“. Der Künstler findet die gegenwärtige Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze drastisch: „Menschen sind manchmal wochenlang und unter lebensgefährlichen Umständen unterwegs. Sie sollten, wenn sie Europa erreichen, erst einmal zur Ruhe kommen können, wieder eine Perspektive entwickeln können und nicht, dass Ungewissheit, Zwangsmaßnahmen weitergehen, wie in ihren Herkunftsländern. Menschen flüchten, weil ihr Leben bedroht ist, die Fluchtursachen werden oft außer Acht gelassen. Es wird oft so dargestellt, als ob Notmaßnahmen in Europa sie dazu bringen, dass sie flüchten.“

Die Arbeit SEESTÜCK (Version 2016), Video, 2-Kanal, Loop, stellt Oliver Herrmann
am 2.April 2016 im Atelier Stuttgart bei der Langen Nacht der Museen aus, Traubenstr.47, in Stuttgart-West.

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Weitere Ziate des Werks:

3 drowned, after ship capsized 200 meters from coast of Sicily (Jan 8, 2002)

15 drowned, forced by smugglers to swim ashore near Scoglitti (south Sicily) ( Sep 21, 2002)

6 reportedly drowned, trying to avoid detection by coast guard near Salobre (May 5, 2003)

4 stowaways, reportedly drowned, forced overboard 2000 km off Canary Islands (May 22, 2004)

One Syrian woman died during an eight-day voyage on a boat carrying 354 other refugees. The woman was a nurse in Damascus and her husband gave his permission for the donor use of her liver and kidneys, which saved three Italian patients. (Sep 9, 2013)

36 drowned, Morocco’s border guards broke with a knife the rubber dinghy (Apr 27, 2008)

Dieser Beitrag zum SEESTÜCK (Version 2016) ist von den Blogbetreibern zur Blogparade #KulturImWandel verlinkt als Statement dafür, dass Kunst als unabhängige, gesellschaftskritische und emanzipatorische wichtig ist. Der Künstler Oliver Herrmann greift in seinen Recherchen auf internationale Quellen zurück. Sie und das Werk können als Votum für Menschenrechte gesehen werden.

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