Zur Aktualität von Hannah Arendts Essay „Wir Flüchtlinge“ (1943)

Hamburg 03

Foto und Text: Patrycja Przybilla

Zur Lebenssituation von Geflüchteten, schrieb die Philosophin Hannah Arendt 1943 in ihrem Aufsatz „We refugees“ (übersetzt „Wir Flüchtlinge“) auf Grundlage ihrer eigenen Fluchterfahrung – auch für heutzutage äußerst aktuelle Gedanken – in der Zeitschrift Menorah Journal: „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unsere Gefühle. Wir haben unsere Angehörigen in polnischen Ghettos zurückgelassen und unsere besten Freunde wurden in Konzentrationslagern getötet, was einen Zusammenbruch unserer privaten Welt zur Folge hat.“

Nur durch erneute Flucht in die USA war Hannah Arendt als Jüdin selbst im Zweiten Weltkrieg dem Tod entronnen und wurde staatenlos. Millionen mehr als heute in Europa suchten damals Schutz und waren  in Folgen dieses Krieges in Europa heimat- oder staatenlos geworden, so Volker Breidecker, der zum Schicksal Hannah Arendts erzählt: „als Flüchtling ohne Pass, der wie allen aus Deutschland entkommenen Juden die Staatsbürgerschaft entzogen worden war, hatten die französischen Behörden sie nach Kriegsausbruch als ‚feindliche Ausländerin‘ interniert. Von den nachrückenden Deutschen wurden die im berüchtigten Lager Gurs verbliebenen jüdischen Insassen dann in die Vernichtungslager des Ostens deportiert.“
Arendt entwickelte anhand ihrer eigenen Fluchtgeschichte in dem Essay „Wir Flüchtlinge“, „erstmals ihre These, wonach Menschsein das Recht bedeutet, Rechte zu haben“, erklärt Thomas Meyer auf Deutschlandfunk.  Auszüge aus Arendts Essay interpretiert er so: „Die Flüchtlingsfrage ist universell geworden. Sie erfordert eine Überprüfung des Selbstverständnisses von Staaten, das heißt: von der Vorstellung eines in Staatsgrenzen lebenden Staatsvolks, dessen Grenzen durch den Staat garantiert werden.“

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