Paar verwechselt Asylunterkunft mit einem Gasthof – Eine berührende Begegnung

Fremdenzimmer

Foto und Text: Patrycja Przybilla

Nach einem langen anstrengenden Kanuausflug am Main war ein Rentnerpaar hungrig. Gabriele Stärz (68) „hing der Magen in den Kniekehlen“, sie und ihr Lebensgefährte Hans Eppinger (72) wollten „unbedingt ein Gasthaus finden“, erzählte sie gegenüber der Zeitung Fränkischer Tag, welche diese Geschichte veröffentlichte. Mit ihrem Kanu legten sie im Zapfendorfer Ortsteil Unterleiterbach an. Nach einer Weile zu Fuß entdeckten sie das Schild „Brauerei – Gasthof Hennemann“. Der Eingang war zu ihrer Verwunderung zu gemauert, allerdings zeigte ein Mann am Fenster, dass es über den Hinterhof hereingeht. Das Paar wusste nicht, dass sie einen ehemaligen Gasthof betraten, der seit einiger Zeit Unterschlupf für Asylsuchende war.

Die Bewohner des Hauses holten den Syrer Kawa Suliman, da er am besten Deutsch sprach. Der 30-jährige Asylbewerber aus Qamishli erzählte der Journalistin Natalie Schalk: „Wir wussten nicht, was das für Leute waren. (…) Keiner kannte sie, aber ich verstand sie gut. Sie hatten Hunger.“ Kawa Suliman hieß die müden Gäste willkommen.
Rentnerin Stärz dachte an dem Nachmittag noch, da Tische und Stühle im Gastraum nicht zusammenpassten: „Die fangen neu an. Da muss man Verständnis haben, wenn’s nicht so schniecke ist.“ Der Journalistin berichtete sie außerdem noch am Telefon: „Der junge Mann, der nach unseren Wünschen fragte, war so nett – so nette junge Gastronomen muss man doch unterstützen!“
Eier, Toast, Tomaten, Joghurtsoßen, selbstgemachte Marmelade und Fladenbrot servierte Kawa Suliman dem erschöpften Paar schließlich. Das Essen hatten seine Freunde schnell in der Küche zusammengetragen. Erst als das Paar nach der Rechnung fragte und Hans Eppinger unverständlich war, warum die Gastgeber für das Essen nichts haben wollen, klärte sich auf wo das Paar aus Karlsruhe das Vesper einnahm. Gabriele Stärz musste vor Rührung weinen.

Auf die Geschichte, die sich vor ein paar Monaten ereignete und am 17.12.2105 publiziert wurde, erhielt die Journalistin Natalie Schalk viele Reaktionen: Eine Familie lud Kawa Suliman und seine Freunde zum Weihnachtsessen ein; andere Kommentator_innen konnten offenbar den Bericht über eine positive Begegnung zwischen deutschen Bürger_innen und Asylbewerber_innen nicht ertragen und unterstellen der Journalistin „Manipulation, Propaganda und Volksverblödung“.

Diese Geschichte hat das Team vom Kulturellen Zwischenraum dazu inspiriert, zum Tag gegen Rassismus am 21.3.2016, weitere Geschichten, Gedichte oder Bilder zu sammeln, als Zeichen gegen Rassismus: selbst verfasste Geschichten und Poesie sowie selbst Fotografiertes/Gestaltetes, beispielsweise von Begegnungen zwischen Neuankömmlingen und Bürger_innen eines Ortes. Eine Auswahl der eindrücklichsten Geschichten, Gedichte und Bilder wird dann auf diesem Blog projektflucht.de veröffentlicht werden.

Wir freuen uns über zahlreiche Zusendungen bis 18.3.2016 per E-Mail an info@projektflucht.de oder über unser Kontaktformular. 

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