Ein Plädoyer für die Flüchtlingssozialarbeit

Collage 2

Text und Collage: Patrycja Przybilla

Hauptamtliche Akteure in der Flüchtlingsarbeit: Sie sorgen dafür, dass Asylbewerber_innen einen Schlafplatz beziehen können, kümmern sich um rechtliche Fragen und Belange, tragen dazu bei, dass Menschen aus verschiedensten Teilen der Erde am gesellschaftlichen Leben vor Ort teilhaben und, und, und… Die Arbeit im komplexen Aufgabengebiet erfordert viel Flexibilität, Empathie, Belastbarkeit, Reflexion sowie Improvisation, Sprach- und Fachkenntnisse und auch eines: Zeit. Diese rennt Sozialarbeiter_innen, die in den Flüchtlingssozialdiensten aktiv sind – sowie anderen Hauptamtlichen im Flüchtlingsbereich der Kommunen – aktuell davon.

Viele Aufgaben in zu kurzer Zeit

Da warten Bewohner_innen der Asylunterkunft mit Briefen in einer Schlange vor dem Beratungsbüro; zwei Stunden später erfolgt ein Krisengespräch mit gestressten Nachbarn und am Handy meldet sich jemand, der Mütter aus dem Haus zu einem Begegnungstreffen nächste Woche einladen möchte. Der oder die Mitarbeiter_in des Flüchtlingssozialdienstes trifft viele Entscheidungen und führt viele Gespräche in kurzer Zeit, bei der Verdichtung an Aufgaben immer häufiger fast fließbandmäßig. Wo bleibt da die Zeit für Recherche, ein wertschätzendes Wort, wie kann man in einer solchen Arbeitssituation jemanden intensiv zu hören oder in Ruhe ein Schreiben verfassen?

Forderungen nach Verbesserung des Betreuungsschlüssels

Aktuell gibt es einen Stellenschlüssel in den Flüchtlingssozialdiensten in Stuttgart von 1:136, das heißt bei einem Stellenumfang von 100 Prozent kommen auf einen Sozialarbeiter oder einen Sozialarbeiterin (oder vergleichbare Qualifikation) 136 Klienten. Bei Übernahme der pädagogischen Hausleitung für eine Asylunterkunft und anderen zusätzlichen, eher verwalterischen Aufgaben, wie das Schreiben einer Statistik, der Organisation der Ausstattung oder dem Melden von Reparaturen, betreut ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin die Hälfte der Klient_innen. Die Träger der Freien Wohlfahrtsverbände (AGDW, AWO, Caritas, IRGW, eva) fordern schon seit Herbst vergangenen Jahres den aktuellen Betreuungsschlüssel auf mindestens 1:100 zu verbessern, da das Aufgabenspektrum sich kontinuierlich verdichtet und vergrößert. Ob es eine Verbesserung dieses Betreuungsschlüssels für die Flüchtlingssozialdienste in Stuttgart gibt und in welchem Umfang wird am kommenden Freitag, 18.12.2015 der Gemeinderat und seine politischen Vertreter, wie CDU, Grüne, SÖS-Linke-PluS, SPD, bei den Haushaltsplanungen entscheiden.

Arbeiten in Provisorien

Der rapide Anstieg der Flüchtlingszahlen heißt für jede Gemeinde, jede frei verfügbare Unterbringungsmöglichkeit zu mobilisieren. Gleichzeitig heißt es für die Flüchtlingssozialdienste, die in diesen Häusern, Systembauten, Schulen, Turnhallen, Containern oder Zelten die pädagogische Hausleitung und soziale Betreuung übernehmen, Mitarbeiter_innen einzustellen und einzuarbeiten. Es bedeutet, oft unter provisorischen Bedingungen mit vielen Herausforderungen zu arbeiten. Auch Büro-, Telefon- und IT-Ausstattung müssen erst organisiert werden, manchmal in Orten wie Turnhallen, die dafür keine geeigneten Räume bieten. Damit diese Provisorien anlaufen können, werden in einigen Fällen auch Aufgaben im Bereich Hausverwaltung, die auch Schnittstellen zum sozialen Bereich haben, an private Betreiber übergeben, für die bisher der Flüchtlings- und Sozialsektor neu ist.

Großes Interesse an Kooperationen aus den Stadtteilen

Auch dort, wo Asylunterkünfte seit Jahren und Monaten bestehen, gibt es neue Herausforderungen: ein großes Interesse am Thema Flucht und Angebote zur Kooperation von Presse, Künstler_innen, Politiker_innen, Schulen, Initiativen und anderen sozialen Einrichtungen im Stadtteil, die die Verantwortlichen vor Ort erreichen. Sie bergen ein großes Potential an Bildung, an Begegnung, gesellschaftlichem Wandel, aber auch das Risiko, wenn sie nicht sorgsam und ernsthaft bearbeitet und beantwortet werden, die positive und offene Stimmung kippen zu lassen. Es bedeutet also für Sozialarbeiter_innen, auf diese Anfragen zu reagieren, Akteure des Stadtteils und Klienten zusammenzubringen, Bedarfe und Angebote zu klären, an Treffen teilzunehmen oder welche zu initiieren. In Städten in denen Gewalt und Rassmisus gegen Flüchtlinge vorherrschen, übernehmen Sozialarbeiter_innen die Aufgabe, im Stadtteil Leute aufzuklären, wie etwa in Freital.

Freiwilliges Engagement braucht Begleitung durch Sozialarbeit

Sehr viele Bürger_innen deutschlandweit wollen sich als freiwillige Helfer engagieren, zum Beispiel in der Hausaufgabenbetreuung, beim Deutschlernen, bei einem gemeinsamen Konzertbesuch oder Sportmachen, durch Öffentlichkeitsarbeit, Spendenakquise, Begleitung zu Ärzt_innen oder Behörden, beim Dolmetschen oder der Suche nach Wohnung und Arbeit. All dies braucht Strukturen, Regeln für gute Zusammenarbeit, die die Sozialdienste mit den Flüchtlingsfreundeskreisen vor Ort erst im Austausch erarbeiten müssen. Wenn dies gelingt, dass Freiwillige die Arbeitsabläufe von Sozialdiensten positiv unterstützen, dann gibt es mehr Vielfalt an Freizeit- und Hilfsangeboten, mehr Begegnungen zwischen den Bürger_innen, die im Stadtteil leben, und den Neuankömmlingen. Auch die Begegnung zwischen den Akteur_innen, die sowohl sich durch ihr Engagement untereinander als auch die Potentiale des Stadtteils kennenlernen, hat positive Effekte für den Bezirk. Das heißt jedoch gerade nicht, dass weniger Sozialarbeit vor Ort gebraucht wird; im Gegenteil: viele Kontakte brauchen Begleitung; mehr Zeit für Absprachen, um Probleme zu lösen, um Konflikten vorzubeugen und sie anzugehen, gerade zum Wohl der Asylsuchenden und für das gesellschaftliche Zusammenleben im Stadtteil.

Arbeit mit Menschen, die traumatischen Situationen ausgesetzt waren

Asylbeschleunigungsgesetz, Dublin III, Änderungen in Arbeitsmarktzugang und andere zahlreiche Gesetzesänderungen, müssen sich Sozialarbeiter_innen, die auch von ihrem Klient_innen mit rechtlichen Fragen aufgesucht werden, immer wieder aufs Neue aneignen.
Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten haben im Herkunftsland oder auf der Flucht traumatische Situationen erfahren – gerade sie brauchen mehr Möglichkeiten der Beschäftigung, intensivere Begleitung und Vermittlung zu Therapien.

Statt auf mehr professionelle Arbeiter_innen setzt Schwarz-Grün auf unqualifizierte Helfer_innen

Die Stuttgarter Zeitung berichtet am 7.12.2015, dass Schwarz-Grün in Stuttgart sparen möchte und gegen eine Schlüsselverbesserung für die Flüchtlingssozialarbeit in den Haushaltsverhandlungen für die kommenden Jahre stimmen wird. Sie plädieren – anstatt für mehr Sozialarbeiter_innen – für das Einstellen von Bundesfreiwilligendienstleistenden oder Menschen, die ein Freiwilliges Jahr machen. Das würde für die Hauptamtlichen wiederum bedeuten, mehr unqualifizierte Helfer_innen anleiten zu müssen, aber für wenig Entlastung sorgen, da diese kaum pädagogische oder komplexe Aufgaben übernehmen können.

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