Rettende Insel

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Gedicht ausgewählt von: Elina Finkel Foto: Patrycja Przybilla

 

Rettende Insel

Von Joachim Ringelnatz

Wenn Parteien sich und Massen

Sichtbar und geräuschvoll hassen

Klingt das mir wie Meeresrauschen.

Und dann mag ich henkelltrocken

Still auf einer Insel hocken,

Die mich zusehn läßt und lauschen.

 

Nicht, daß ich dann etwas schürfe

Oder was dazwischen würfe

Oder schlichten wollte, nein,

Nein, ich weiß, das muß so sein.

Und ich dehne mich und schlürfe

Eingefangnen Sonnenschein.

 

Wechselnd laut und wieder leise

Rauscht das Meer in weitem Kreise

Mir vertraute Melodie.

Wo blind oder falsch gestempelt

Mißklang sich an Mißklang rempelt,

Windelt neue Harmonie.

 

Und dann schwimmt – fast ist es schade –

Noch ein Mensch an mein Gestade,

Sucht an meiner Bulle halt.

Aus ist die Robinsonade,

Denn nach Insulanersitte

Sag ich unwillkürlich: „Bitte!“

Und ein zweiter Pfropfen knallt.

 

Und wir trinken. Es gesellen

Andre sich dazu. Die Wellen

Glätten sich. Der Haß zerstiebt.

Bis zuletzt in süßer Ruhe

Niemand noch was in die Schuhe

Andrer schiebt,

Und sich alles gegenseitig

Eingehenkellt ganz unstreitig

Duldet, gern hat oder liebt.

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